Ralphs SummerJazz-Tagebuch 2009
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Ralph's SummerJazz-Tagebuch 2009
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Donnerstag
Das Festival beginnt für mich an der Kunstmann-Bühne mit Petra. Nach dem Konzert werde ich von einer Festival-Besucherin angesprochen, ob wir Petra auch ausreichend gewürdigt hätten, sie sei von der Stimme so beeindruckt gewesen. Ja haben wir: Sie hatte schließlich im Vorjahr einen Förderpreis gewonnen. Als nächstes schaue ich bei Matthias Schlechter & Jochen Reich auf der Sparkassenbühne vorbei, sie begeistern ihre Fans wie jedes Jahr. Weiter geht es zu Sven O'Lüthke & big bad jol auf der Bühne Vom Fass / Blütenrausch. Ihr Blues trifft voll den Geschmack der Zuhörer, zu dieser Band erhalte ich auch hinterher viele positive Kommentare.
Während ich durch die Fussgängerzone gehe, sehe ich, dass fast alle Festival-Besucher bereits ihren Pin angesteckt haben. Toll! Ein Besucher findet, dass meine Ansagen zu brav sind: Wir sollten doch mal über Beugehaft im Rathaus nachdenken für Leute, die sich den Pins verweigern.
Danach geht es schon zum Top-Act auf der Stadtwerke-Bühne: Caro meets Manusch Weiss. Extraklasse! Leider kann ich hier nicht so lange bleiben, weil es noch eine Contest Band gibt: Das Belepschquartett. Eigentlich war ich nach Caro nicht auf Saxophonquartett eingestimmt, aber diese vier haben mich echt überzeugt. Sehr konzertant, und alles ausgezeichnete Musiker. Ein kritisches Jury-Mitglied fragte, ob sie auch improvisieren. Dies konnte ich bejahen, außerdem hatten sie auch einen Tango im Programm. Klarer Preisträger!
Freitag
Auf der LBS-Bühne spielen zunächst Plantomas sehr melodiösen Modern Jazz, auch hier sehen wir wieder hervorragende junge Musiker am Werk, die unbedingt einen Preis bekommen sollen.
Ich erfahre, dass das Duo Hand in Hand, das für Samstag gebucht war, kurzfristig absagen musste, und wir noch dringend eine Ersatzband benötigen. Wie es der Zufall will, spricht mich fünf Minuten später ein Herr an, der mir erstens sagen will, wie toll er das Festival dieses Jahr wieder findet, und zweitens, dass er gerne mal wieder mit seiner Band, der JB Jazzgang, auftreten würde. Ich konnte mich noch gut an die Bewerbung erinnern und auch daran, dass wir sie zwar schon in der engeren Auswahl hatten, sie aber am Ende aufgrund unserer 150(!) Bewerbungen dieses Mal leider nicht einladen konnten. Es sei denn, sie könnten spontan am Samstag einspringen. Nach 10 Minuten konnte er uns zusagen, nach weiteren 30 Minuten waren unsere Programme neu gedruckt.
Das Festival ging in der Zwischenzeit weiter. Das Duo BeeCee, das mich vor 2 (oder 3?) Jahren verzaubert hatte, habe ich diesmal leider verpasst. Dafür konnte ich mir DU (Deutscher Soul, für mich eine Mischung aus Xavier Naidoo und Herbert Grönemeyer) und dem Matthias Goldbach Swing Quintett zwei weitere Bands ansehen, die ihr Publikum begeistern konnten.
Der Freitagabend wird mit dem Boogie-Woogie Pianisten Michael Rausch eingeläutet, bei Blütenrausch / Vom Fass ist fast kein Durchkommen. Kurz darauf beginnt das Konzert von Dictionary of Funk, auf das sich schon viele im Vorfeld gefreut haben. Entsprechend voll ist es an der LBS-Bühne, und die Fans kommen voll auf ihre Kosten. Dasselbe gilt für die Parklane Jazzband, auch an der Sparkassenbühne ist absolut kein freier Platz mehr. Auch der Platz vor der Kunstmann Bühne füllt sich schnell, als die Turning Point Band anfängt zu spielen. Hier verbergen sich Musiker der Farmer's Road Blues Band, die ein neues Projekt in kleinerer Besetzung ohne Schlagzeug begonnen haben. Die Stimmung ist toll, ich höre auch hier hinterher sehr viel Lob für diese Band. Zum Abschluss dieses Tages gehe ich zu Bill Ramsey, auf den ich schon sehr gespannt war. Zusammen mit dem Achim Kück Quartett präsentiert er ein wunderbares Konzert, das er mit einer zu Herzen gehenden Interpretation von "Wonderful World" beendet.
Samstag
Der Samstag beginnt mit der Uni-Bigband Bremen. Dieses Jahr sind drei Big Bands am Start. Mal sehen, wie die anderen im Verhältnis sind. Ich gehe weiter zum Duo Ebinal & Huhn. Michael Huhn hat vor Jahren mal bei meiner Big Band am Bass ausgeholfen, er erinnert sich tatsächlich noch an mich. Was er hier aber auf 7-saitigen Gitarre zaubert, und dann die Töne, die er zusätzlich mit dem Mund erzeugt, sind wirklich beeindruckend. Wenn man die Augen schließt, glaubt man, man habe eine ganze Band vor sich. Und dazu die Stimme von Regina Ebinal - Wahnsinn. Hier wäre ich gerne länger geblieben, aber meine Aufgabe als Juror treibt mich zu den Bademeistern. Doch das ist gar kein Verlust - im Gegenteil. Hier wird ganz wunderbarer instrumentaler Jazzrock präsentiert. Die Klangeffekte, die der Gitarrist erzeugt, sind der Hammer. Und dazu ein ausgezeichneter Schlagzeuger, die ganze Band hat sich hier eindeutig einen Förderpreis verdient. Als Welturaufführung präsentieren sie dann noch einen Tango - perfekt!
Im Anschluss bewege ich mich dann zu Paralelepípedo, Summer Jazz Preisträger vom letzten Jahr. Auch dieses Jahr präsentiert diese Formation wieder wunderbare lateinamerikanische Melodien und Rhythmen, die optimal zu einem Sommertag passen, wie wir ihn gerade erleben dürfen. Auch hier muss ich schnell weiter, da Saimaa gerade ihren Auftritt beginnen. Mit ihrer Stimme lädt sie ihre Zuhörer zum Träumen ein, von Schmetterlingen übrigens bei dem Stück, das ich anhören darf. Mittlerweile hat auch die Big Band Stintfunk ihren Auftritt begonnen. Für mich die beste Big Band auf dem diesjährigen Festival. Da sie aber bereits im Vorjahr den Preis in der Sparte Big Band gewonnen haben, müssen wir uns etwas einfallen lassen.
Auf der Bühne wird versprochen, den interessierten Besuchern zu erklären, was ein Bandadoneon(!) ist. Das interessiert mich sehr, da ja der Festival Pin in diesem Jahr ein Bandoneón ist.
Jetzt beginnt auch schon die JB Jazzgang. Sie bieten Jazz Standards mit einer wunderbaren Spielfreude und in hervorragender Qualität. Preisverdächtig! Aber erstmal schaue ich bei Markus Paquet vorbei. Auch bei ihm stehen wieder viele Leute und lauschen begeistert seinem Klavierspiel und seinem Gesang. Da er sich tatsächlich immer noch weiterentwickelt und schon so viele Jahre trotzdem keinen Preis mehr bekommen hat, entscheidet die Jury: Diesmal wieder. Ich gehe nochmal zurück zur JB Jazzgang, die ihren Auftritt beendet mit den Worten: "Wo wir so spontan eingesprungen sind, könnten wir doch eigentlich einen Spontanitätspreis bekommen." Das finden wir auch, und so gibt es also den Preis nicht in der Sparte Swing, sondern wir kreieren spontan den Spontanitätspreis.
Leider habe ich keine Zeit, TEASY swing out best anzuhören, obwohl die Ankündigung wirklich spannend klingt. Ich gehe direkt weiter zum Ilja Kipnis Quintett "BlueGrooF". Hier wird hochkarätiger Jazz angeboten, diesmal mit Leo Volskiy (auch ein ehemaliger Preisträger) an der Hammond Orgel. Aber auch hier muss ich leider schnell weiter.
Auf dem Weg zum Nail Quartet spricht mich ein Herr aus Würzburg an, der sichtlich aus dem Staunen über den Pinneberger Summer Jazz nicht mehr herauskommt. Er sei auf Urlaub in Hamburg und hätte gehört, dass in Pinneberg was los wäre, und wäre daher mal vorbeigekommen. Dieser Herr kam gerade aus Richtung Nail Quartet, und was soll ich sagen, wir sind aus dem Staunen auch nicht mehr herausgekommen. Vier junge Frauen im Alter von 19 bis 25, sehen eher wie eine Schüler-Rock-Mädchenband aus, aber Ihr Spiel ist Weltklasse. Jede Einzelne (Vibraphon, Saxophon, E-Bass und Schlagzeug) beherrscht ihr Instrument meisterlich. Die Summer Jazz Entdeckung 2009! Ganz klar, dass sie nicht nur einen Förderpreis bekommen sollen, sondern dass wir sie auch zur Festival Night einladen.
Mit einem was-kann-denn-jetzt-schon-noch-kommen-Gefühl gehe ich zu Beatshock - und werde erneut überrascht. Auch diese junge Formation (zwischen 18 und 26 Jahren) zieht ihr Publikum in den Bann, mit einer energiegeladenen Darbietung und einer hervorragenden Sängerin. Die nächsten Preisträger!
Am Abend genieße ich den Auftritt des Premier Swingtetts, einer meiner ganz persönlichen Summer Jazz Favoriten, die diesmal einen kleinen Stepptänzer, "Jo Bangles", dabei haben. Das Konzert von Tango Crash habe ich somit leider verpasst, obwohl ich auch hier viel Lob gehört habe. Es muss ein ganz besonderes Event gewesen sein. Die Musiker erlebe ich noch in der Festival Night, wo ich von Ihren Tangoklängen auch ganz in ihren Bann gezogen werde.
Die Festival Night dauert übrigens noch bis 2 Uhr morgens, weil das Publikum das Nail Quartett nicht von der Bühne lässt. Um 11:00 geht das Festival schon weiter...
Sonntag
Nach der kurzen Nacht werde ich von LSE geweckt. Sie spielen 60er Jahre Rock von Stones, Beatles und Co. Ist zwar nicht wirklich Jazz, aber kommt an bei den Leuten. Die andere Hälfte der Festival-Besucher lauscht derweil den Klängen der conFUSION Big Band. Nach kurzer Musikpause geht es weiter mit Me & The Duckdivers. Es wird CO2-neutraler "Blues ohne Strom" angekündigt. Aber was man dort zu hören bekommt, elektrisiert sofort. Schon das erste instrumentale Stück mit Mandoline ist ein Knaller. Und sobald der Sänger anfängt, fühle ich mich wie bei Eric Clapton unplugged. Das ist eindeutig einen Blues Preis wert. Wie sagen wir es nur unserem neuen Sponsor der Hauptbühne, den Pinneberger Stadtwerken?
Eine Formation im Contest steht noch aus: Körrie Kantner & His Not So Big Band. Hier überzeugt der Humor, mit dem die jungen Leute ihren Auftritt bestreiten. Hier werden Requisiten benutzt, die unterschiedlichsten Stilrichtungen präsentiert (mit eigenem Jingle) und auch noch ein A-Capalla-Stück angeboten. Somit hätten sie eigentlich sowohl den Preis für den besten (weil einzigen) Chor oder einen immer wieder gerne vergebene Performance-Preis verdient. Da wir aber auch noch keinen Big Band Preisträger haben, entscheiden wir in der Jury, diesmal stattdessen einen Not-So-Big-Band Preis zu schaffen.
Die Jurysitzung findet traditionell während der Konzerte der Vorjahrespreisträger am Sonntag Nachmittag statt. Somit verpasse ich Delicious Date, Sabé sowie die Billbrook Bluesband komplett, und auch von meinen anderen Summer Jazz Favoriten, Saitwärts, bekomme ich nur einen kurzen Ausschnitt mit. Ich sehe aber immerhin einen Blues, zu dem sich das Gitarrenduo noch Verstärkung mit Gesang und Bass geholt hat.
Dann geht es daran, das Preisträgerkonzert zu organisieren. Die Reihenfolge der Bands wird festgelegt und noch dreimal geändert, die Techniker werden informiert, es muss geklärt werden, welches Schlagzeug und wessen Gitarrenverstärker benutzt wird, wie lange jeder spielen soll, usw. Das Konzert beginnt mit einem erneut fulminanten Auftritt des Nail Quartets und endet, nun ja, mit einer sich gewaltig auftürmenden Gewitterwolke. So schnell es geht präsentieren wir die Preisträger, dann beginnt schon das Unwetter, und wir müssen den Summer Jazz 2009 abrupt beenden. Auch das Konzert von Matthias Schlechter und Joana Toader in der Remise fällt dem Regen zum Opfer.
Fazit: Es war wieder ein tolles Festival. Es gab auch in diesem Jahr ganz viele abwechslungsreiche Konzerte von hervorragender musikalischer Qualität. Wir haben eine Menge positiver Resonanz von den Besuchern bekommen, bis auf 20 wurden alle Pins verkauft (Danke!) und das Wetter hat ebenfalls (bis auf den Schluss) optimal mitgespielt. Ich selbst habe es in diesem Jahr leider überhaupt nicht zur Remise geschafft, habe aber gehört, dass es dort an allen Tagen sehr voll war und die neue Anfangszeit um 21:00 Uhr bei Musikern und Gästen gut angekommen ist. Das Festival war insbesondere an den Abenden wahnsinnig gut besucht. Es hat sich aber wieder gezeigt, dass gerade an den Nachmittagen und auf den kleineren Bühnen die besonderen Entdeckungen zu finden sind.
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